Mittwoch, 19. Oktober 2011

Der beste und mächtigste Lerntipp



Sie sind hier gelandet, weil Sie effizienter und besser lernen wollen und das vor Allem mit mehr Spass und Freude. Dann sind Sie hier genau richtig, egal ob Schülerin, Schüler, Student, Studentin, Berufstätige oder Berufstätiger.





Auf dieser Seite soll es nicht in erster Linie darum gehen, was gelernt werden soll, sondern um die Faktoren und Umstände des Lernens, und vor Allem darum, wie diese Faktoren und Umstände zum effizienteren Lernen hin beeinflusst werden können. D.h. es geht um lernen lernen, bzw. um Metalernen. Ich verspreche Ihnen hier keine dubiosen Guru-Tricks, Lernen im Schlaf oder irgendwelche Pillen oder Wässerchen. Hier erhalten Sie bewährte, bodenständige, handfeste Tipps, die funktionieren. Und alles völlig kostenlos. Einzige Voraussetzung: Sie müssen diese Tipps für sich selbst ausprobieren und umsetzen. Das kann Ihnen niemand abnehmen. Durchlesen allein genügt nicht. Machen Sie!





Andererseits möchte ich hier auch anregen, dass Sie selbst erfinderisch werden und Ihre eigenen Lernstrategien entwickeln. Mehr dazu später in den Tipps.







Lernen, was ist das?





Von Duden bis Wikipedia wird der Begriff ausgiebig definiert. Ich habe aber eine möglichst knappe umfassende Definition gesucht, welche dem Lernen aller Lebensformen gerecht wird, aber den Begriff trotzdem genügend abgrenzt gegen Vorgänge, die dem allgemeinen Verständnis von Lernen zuwiderlaufen, z. B. ein Beinbruch, der einen zum Aufenthalt im Bett zwingt (eine Verhaltensänderung). Schliesslich hat mir die Definition in Zimbardo, Gerrig am besten gefallen:





„Wir können Lernen als einen Prozess definieren, der zu relativ stabilen Veränderungen im Verhalten oder im Verhaltenspotential führt und auf Erfahrung aufbaut. Lernen ist nicht direkt zu beobachten. Es muss aus Veränderungen des beobachtbaren Verhaltens erschlossen werden.“



Aus: G., P. Zimbardo, R., J. Gerrig: Psychologie. Springer, 7. Auflage, 1999





Ich hoffe, die Definition ist klar: Jemand kann kein Englisch. Nach dem Lernprozess kann er oder sie Englisch. Ich habe keine Ahnung von Jura oder Medizin. Ich kann’s aber lernen und habe dann Ahnung. Ich kann Mathematik, Physik, Chemie und Englisch weil ich das gelernt habe. Das sieht man mir aber nicht an (mein vergangenes Lernen ist nicht direkt zu beobachten. Erst wenn ich diese Fertigkeiten ausübe, zeige ich, dass ich sie gelernt habe).







Lernstrategien





Worum handelt es sich nun bei Lernstrategien. Zusammen mit obiger Definition von Lernen landen wir wohl bei etwa folgender Definition:





Lernstrategien sind Methoden, Hilfsmittel und unterstützende Massnahmen, die dabei helfen, relativ stabile Verhaltensänderungen effizienter herbeizuführen.“





Als Beispiel soll hier folgendes dienen:





Ich habe ein Vokabular in irgendeiner Fremdsprache zu lernen. Dann decke ich z.B. bei einer Wortliste mit fremdsprachigen Worten samt Übersetzung einen Teil ab, und versuche die Entsprechung zu erinnern. Einmal decke ich meine Muttersprache ab, das nächste mal die Fremdsprache. Das mache ich, bis ich die Worte zu meiner Zufriedenheit erinnere. Dies ist eine Lernstrategie!





Ich kann mir aber auch Lernkärtchen schreiben, die vorne den muttersprachigen, hinten den fremdsprachigen Ausdruck tragen und versuchen zu jeweils einer Seite die andere zu erinnern. Eine weitere Lernstrategie.





Oder ich arbeite mit den Lernkärtchen nach der 5-Schritt-Methode (werde ich auch noch in den Tipps behandeln) mit Karteikasten oder elektronisch.





Sie sehen, es gibt nicht nur eine Methode, Dinge zu lernen. Es gibt aber Methoden, die für Sie besser funktionieren als andere. Diese herauszufinden, dabei will ich Ihnen behilflich sein.







Emotion, Motivation, Interesse





Man ist sich heute weitgehend darüber einig, dass es drei wichtige Voraussetzungen für Lernen gibt: Positive Emotionen, Interesse und Motivation. Von diesen dreien sind meiner Meinung nach das Interesse und die Motivation am leichtesten zu beeinflussen, während die Emotion sich dem direkten bewussten Zugriff weitgehend entzieht.



Wie wichtig Interesse für Lernen ist, wissen wir eigentlich alle. Nehmen Sie sich einmal etwas Zeit und vergleichen Sie Ihre Lernerfolge, Lernaufwand und Freude bzw. Frust in Situationen, als Sie etwas im Bereich Hobby lernen wollten und als Sie etwas lernen mussten, das einzig dem Zweck diente, ein Zertifikat bzw. eine nicht allzu schlechte Note zu erwerben (z.B. in der Schule).



Sie merken worauf ich hinaus will: in Bereichen, die uns interessieren, lernen wir sehr viel leichter und mit sehr viel mehr Motivation und positiven Emotionen, als in Bereichen, die uns nicht interessieren und wo wir den Sinn, dieses zu können nicht so ganz einsehen. Aber jede und jeder hat zuweilen etwas zu lernen, das überhaupt nicht interessiert. Für Schüler und Studenten gilt das sowieso. Aber die Situation gibt es selbst im Erwachsenenbildungsbereich.





Ein sehr gutes Buch zum Thema: Lernen zu lernen von Werner Metzig. Meiner Meinung nach ein Muss für alle Lerner und Lernrinnen, die ihre Effizienz steigern wollen.





Jetzt komme ich zum allerwichtigsten und mächtigsten Tipp in diesem Bereich:







Generieren Sie Interesse



Wählen Sie ein Thema, ein Kapitel, einen Kursteil oder was immer Sie aktuell lernen müssen oder wollen. Zur Übung nehmen Sie am besten ein Gebiet, das Sie nicht besonders interessiert, es geht aber natürlich auch jedes andere.



Sammeln Sie alles, was Sie darüber bereits wissen oder ahnen und schreiben Sie es auf. Ich selbst lege mir dazu gerne ein Mindmap an.



Wenn Sie glauben, über das betreffende Thema gar nichts zu wissen, dann sehen Sie in Ihren Unterlagen, in Ihren Büchern, Ihren Notizen, oder was immer Ihnen zum Lernen zur Verfügung steht, nach. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen auch nur halbwegs bekannt vorkommt oder besonders auffällt.



Nun machen Sie eine Pause, gehen mit dem Hund raus, Joggen eine Runde oder machen einen kurzen Spaziergang. Behalten Sie aber das Thema im Kopf mit einer fragenden Haltung. Ja, stellen Sie sich Fragen zu Ihrem Thema. Vielleicht fallen Ihnen ja sogar einige Antworten ein.



Sind Sie wieder zuhause, dann schreiben Sie all Ihre Fragen auf. Vielleicht fällt Ihnen ja noch mehr ein.



Das ist eigentlich schon fast alles. Nun können Sie gleich anschliessend, oder zu einem späteren Zeitpunkt nach Antworten auf Ihre Fragen suchen. Dabei ergeben sich hoffentlich neue Fragen, die Sie auch beantwortet haben möchten, und schon ist ein erfreulicher, fruchtbarer Lernprozess angestossen.



Tipp: wenn Sie die Fragen mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht beantworten können, fragen Sie Ihre Mitschüler, Mitstudenten, Kollegen, den Lehrer oder einen Nachhilfelehrer.



Beispiel



30-jähriger Krieg im Geschichtsunterricht.



Was weiss ich (noch) darüber? Ausser, dass er schon lange her ist eigentlich nichts.



Fragen, die mir dazu einfallen:



Wann war dieser Krieg?



Hat er wirklich 30 Jahre gedauert?



Wer war beteiligt? (Länder, Personen)



Wie kam es zu diesem Krieg, worum ging es überhaupt?



Wie wurde er beendet?



Wie sahen die politischen Grenzen vorher und nachher aus?



Was waren die Auswirkungen auf die Bevölkerung?



Wie waren die Leute angezogen?



Gibt es noch Architektur aus jener Zeit?



Etc., etc.





Anhand einer Antwort möchte ich noch das weitere Vorgehen erläutern:





Wann war der 30-jährige Krieg?



Auszug aus Wikipedia: „Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war ein Konflikt um die Hegemonie in Deutschland und Europa und zugleich ein Religionskrieg. In ihm entluden sich sowohl die Gegensätze zwischen der Katholischen Liga und der Protestantischen Union innerhalb des Heiligen Römischen Reiches als auch der habsburgisch-französische Gegensatz auf europäischer Ebene. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten im Reich trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre dynastischen Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aus.“





Dies gibt schon mal einige Antworten, wirft aber sogleich neue Fragen auf:



Was bedeutet „Hegemonie“?



Wann war noch mal die Reformation?



Wie genau waren die dynastischen und geografischen Zusammenhänge?



Etc.





Als Beispiel mag das genügen. Wie Sie sehen, ist das Prinzip: Fragen stellen, Antworten suchen, welche hoffentlich. weitere Fragen nach sich ziehen, etc.





Diese Technik lässt sich auf eigentlich jedes Gebiet übertragen. Hier einige weitere Anregungen:





Wie hat die Landschaft vor 100 000 Jahren ausgesehen?



Wieso hat sie sich verändert?



Wie hat die Weltbevölkerung, Wirtschaft, Bewaldung sich verändert?



Wie ist Deutschland zu dem Gebilde geworden, das es heute ist?



Was haben die Habsburger mit Spanien zu tun?



Wie fühlt es sich an, Deutsch, Französisch, Englisch… zu sprechen?



Wie kommt es, dass wir Englisch leichter lernen als Französisch?



Was ist eine doppelte Buchhaltung?



Weshalb gibt es dieses und jenes Gesetz?



Wo geht ein Lichtstrahl hin, der ins Weltall projiziert wird?





Ich glaube, das genügt um das Prinzip zu verstehen.





Erklärung



Lernen gehört eigentlich zu unserer Natur und damit auch die Neugier. Genau letztere wird durch echtes Fragen angeregt. Dabei nähern Sie sich schon beim Überlegen von Fragen Ihrem Thema und verlieren einen Teil evt. vorhandener Aversion.



Darüber hinaus machen Sie sich beim Zusammentragen dessen, was Sie bereits über das Thema wissen, eines Wissensnetzwerkes bewusst, welches bei Ihnen bereits vorhanden ist.



Beim beantworten Ihrer Fragen setzen Sie sozusagen „missing links“, fehlende Teile in Ihr Wissensnetzwerk ein. Je mehr Neugier Sie mobilisieren können, desto besser gelingt dies. Und wenn Sie Ihre Neugier befriedigen können entstehen positive Gefühle, eben: Freude am Lernen.



Auch wenn es den Nürnberger Trichter nicht gibt – mit Fragen „öffnen Sie ein Gefäss“, das Sie hoffentlich gefüllt bekommen.



Ein weiterer Effekt: Die grössten Lernkiller, die ich kenne, sind Haltungen wie folgende: Wir sind Musiker, was sollen wir mit Physik (Gymnasiasten mit Musik im Hauptfach). Ich will Jurist werden, da brauche ich keine Mathematik (ein Gymnasiast, Hauptfach noch nicht gewählt). Herr Lehrer, wir sind Juristen und Betriebswirte, mit Physik haben wir wenig am Hut (Gymnasiasten, Hauptfach Wirtschaft und Recht). Etc.





Diese Haltungen hebeln Sie mit der Fragetechnik aus. Nicht, dass diese Haltungen an sich schlecht wären, aber wenn Sie diesen verhassten Lernstoff lernen müssen, weil der nun mal zum Kurs gehört, entstehen negative Emotionen. Wenn Sie fragend an die Sache herangehen und die Fragen beantwortet werden entstehen positive Emotionen. Und genau dabei will ich Ihnen helfen.





Tipp am Schluss: Wenn Sie einen Kurs gebucht haben, das Semester wieder anfängt, Sie in die nächste Schulstufe kommen, vom Arbeitgeber an einen Kurs, ein Seminar oder einen Kongress geschickt werden: Fragen Sie sich, was Sie dort für Fragen beantwortet bekommen werden, und stellen Sie sich diese Fragen.





Bis zum nächsten Tipp alles Gute für Sie.







Rox Phaff